Warum wandern?

Sonntagmorgen, 4:30 Uhr. Der Wecker klingelt. Es gibt ein kleines Frühstück, die letzten Sachen werden in den Wanderrucksack gepackt und noch schnell die Akkuladung der Kamera überprüft. Und dann geht es auch schon los. Ab ins Auto und nach ungefähr einer Stunde Fahrt Ankunft am Ausgangspunkt einer Wanderung in den Bergen. Warum steht man überhaupt so früh auf? Warum läuft man mitunter sehr steile Wege nach oben, die einen innerlich fluchen lassen?

Für Momente. Für Augenblicke. Für Erlebnisse, eigentlich direkt vor der Haustür. Es sind Wanderungen für die Seele, die Abstand vom Alltag bringen, wie ein kleiner Kurzurlaub von dem, was wir gerade täglich durch Nachrichten oder das engere und weitere Umfeld erfahren.

Früh morgens, wenn alle anderen noch schlafen, mit dem Wanderrucksack, der Kamera und ein paar Leckereien aufzubrechen, ist ein wunderschönes Erlebnis.

Wenn man im Licht der aufgehenden Sonne – in der goldenen Stunde – über die Almwiesen läuft, auf denen so langsam die Frühlingsblumen zum Leben erwachen und die Kuhglocken bimmeln und man im Wald das Vogelgezwitscher hört, dann ist die Welt in Ordnung. Mit der Kamera unterwegs zu sein, heißt auch, mit dem fotografischen Blick zu wandern. Man sieht Motive, die man gerne festhalten möchte und dabei ist man ganz im Augenblick. Genau im Hier und Jetzt.

Auch, wenn der Weg zum Gipfel steil und manchmal rutschig ist (und genau in dem Moment kommt dann dieses kleine Wörtchen „warum“ in den Kopf), so lohnt es sich doch jedes Mal aufs Neue, oben anzukommen und mit einem wunderbaren Ausblick und einer leckeren Brotzeit belohnt zu werden. Ein (zweites) Frühstück am Gipfel ist einfach besonders lecker.

Alleine unterwegs zu sein, bedeutet, mit sich selbst unterwegs zu sein. Höhenmeter um Höhenmeter rückt der Alltag auf diese Weise in weite Ferne und das Laufen in der Natur beruhigt die Gedanken. Man hört den Waldboden oder den Kies unter den Schuhen knirschen, konzentriert sich auf seine Atmung und bei jeder Pause lässt man den Blick über die wunderschöne Landschaft gleiten – ein Panoramabild für die Gedanken.

Ist man in Begleitung unterwegs, so kann man diese schönen Eindrücke teilen, man kann gemeinsam fluchen, wenn der Weg immer noch steiler wird, man unterhält sich, man lacht, man schweigt. So, wie es sich für einen selbst richtig anfühlt. Beim Wandern gibt es keine Vorgaben, keine Spielregeln oder gar Zeiten zu unterbieten. Man geht so schnell oder langsam wie man kann und möchte, man nimmt Rücksicht aufeinander und man findet gemeinsam den Weg.

Wandern kostet nicht viel (gute Schuhe sind allerdings sehr empfehlenswert). Wandern tut gut. Dem Körper, den Gedanken, der Seele. Wandern geht so ziemlich überall, auch direkt vor der Haustür. Und genau dort ist es, wo man neue Ecken entdeckt, die man in vielen Jahren, die man schon an einem Ort lebt, noch nie gesehen hat.

Wandern macht glücklich.

© Laura Hitzler (Text und Bilder)